Geschenk eines Obdachlosen

Cap
Diese Kappe schenkte mir vor ein paar Tagen ein Obdachloser.
Er lebt seit 14 Monaten auf der Straße. Durch eine unscheinbare Verletzung, die er sich am Finger zugezogen hatte, ist er heute arbeitsunfähig. Die Hand schwoll an und ist nun verkrüppelt. Als Maler ist er aufgeschmissen und kann auch seinen früheren Hobbies Boxen und Gitarrespielen nicht mehr nachgehen. Weil er vor Kurzem aus der Wetterau ins anonymere Frankfurt umsiedelte und der damit verbundene Verwaltungsakt noch nicht abgeschlossen ist, hat er seit zwei Monaten keine staatliche Unterstützung mehr erhalten.Als ich auf einem Außenplatz eines Balkanimbisses in der Nähe des Hauptbahnhofs auf die Ankunft meiner Tochter wartete, sprach er mich an. Besonders war, dass er sich mit seinem Namen vorstellte. Matthias bat um einen Euro – ich hatte aber nur einen Zehner. Für ihn ist das viel Geld und er fragte mich, warum er so viel von mir bekommen hat. So kamen wir ins Gespräch. Ich hatte Zeit und er hatte eine faszinierende Geschichte zu erzählen.

Er berichtete unter anderem, wie er mit angesehen hatte, dass eine Bettlerin eine Passantin, die nichts geben wollte, angespuckt hatte. Das war ihm, der ja nun ebenfalls Bettler ist, äußerst unangenehm und er hat sich stellvertretend bei der Passantin für dieses Fehlverhalten entschuldigt.

Das Leben auf der Strasse scheint hart zu sein. Anstatt sich zu solidarisieren wird gegeneinander gearbeitet. Während der Nachtruhe kann man schon mal grundlos zusammengetreten werden.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass der Ex-Boxer noch mehr von mir erwartete und so viel es mir leicht, ihn auf ein Bier und eine warme Mahlzeit einzuladen. Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann er das letzte warme Essen zu sich genommen hatte.

Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben. Er mit freiem Oberkörper und so gut gepflegt, wie man ohne Dusche und Waschgelegenheit eben gepflegt sein kann und ich in schwarzem Anzug und rosa Krawatte. Insofern muss mein „ja“ als Antwort auf die Frage der Bedienung, ob ‚der zu mir gehöre‘ wohl auch fast schon unglaubwürdig gewesen sein.

Er wollte nicht, dass meine Tochter mich mit ihm zusammen sieht. Deshalb musste ich ihn die letzten Bissen alleine fertig essen lassen, als ihr Bus am Bahnhof eintraf. Und weil ich Banker bin, holte er diese Cap aus seinem Rucksack und schenkte sie mir.