Packeis, Rentierfilet und Polarlichter

Hier nun mit deutlicher Verspätung das Logbuch meiner Frachtschiffreise nach Nordfinnland:

 

Freitag

Gegen 19:00 Uhr kamen meine Frau und ich mit dem Auto am Nordlandkai in Lübeck an. Nachdem wir die Pforte passiert hatten, machten wir uns auf dem Hafengelände auf dem Weg zur MS Tavastland. Dabei gerieten wir im Dunkeln versehentlich in eine Ladezone. Wir wurden von einem Arbeiter freundlich darauf hingewiesen, dass man für Autos extra eine schöne Straße nebenan gebaut hätte und so fuhren wir zwischen Gabelstaplern und Eisenbahnwaggons wieder auf den rechten Weg zurück. Hinter Containern fanden wir nach kurzer Zeit das richtige Schiff. Gudrun und ich stiegen aus und verabschiedeten uns.

Für mich ging es mit Rucksack und Reisetasche nun die Gangway hinauf an Bord. Dort war kein Mensch zu sehen und eine mit Codeschloss verriegelte Gittertür versperrte mir den Weg ins Schiffsinnere. Als nach 15 Minuten Warten immer noch keine Menschenseele zu sehen war, ging ich noch mal zu der Tür mit dem Zahlenschloss und las mir die Hinweise, die dort angebracht waren, durch. In einem kleinen Beutel an der Tür war ein Mikrofon. Wenn man dort die Ruftaste drückt, dann werde man geholt. Gesagt getan. Ein philippinisches Besatzungsmitglied erschien und fragte, ob ich Passagier sein, Nachdem ich dies bejahte, brachte er mich zu meiner Kabine, die hier schlicht Kammer heißt. Es stand sogar schon mein Name an der Tür.

Bettwäsche und Handtücher liegen auf dem Bett, es ist schön warm, ordentlich und sauber. Im Aufenthaltsraum für die Passagiere treffe ich auch direkt auf meine Mitreisende, die die Nachbarkammer bereits bezogen hatte. Isabel aus Spanien. Sie ist genau wie ich zum ersten Mal auf einem Frachtschiff. Als Jugendliche träumte sie davon, selbst Kapitänin auf einem solchen Schiff zu werden, aber eine Frau am Ruder eines Ozeanriesen war in Spanien damals noch absolut unvorstellbar. So wurde sie stattdessen Psychologin und lehrt heute an der Universität in Alicante.

Nachdem ich mich in meiner Kammer eingerichtet habe, machen wir gemeinsam einen kleinen Gang über das Schiff. Gegen 22:20 Uhr legen wir vom Nordlandkai ab und schippern langsam durch die Trave Richtung Ostsee, die wir schließlich gegen Mitternacht erreichen. Nun lege ich mich schlafen. Die Schranktür lasse ich offen, denn diese klappert durch die ständige Vibration auf dem Schiff sonst ständig.

 

Samstag  

Mein Wecker klingelt um 7:00 Uhr, aber ich beschließe, noch 20 Minuten regungslos im Bett liegen zu bleiben. Ich dusche, ziehe mich an und bin immerhin gegen 7:45 beim Frühstück. Für die Passagiere gibt es in der Offiziersmesse einen eigenen Tisch. Viel gesprochen wird hier morgens offenbar noch nicht, aber ich werde zurückgegrüßt, wenn ich grüße und bekomme kurze Antworten auf meine Fragen. Ich entscheide mich für Brötchen, Käse, Rührei, Saft und Kaffee. Aus dem Fenster beobachte ich den Sonnenaufgang und freue mich auf einen schönen Tag. Es ist ein wenig diesig, die See ist ruhig. Auf dem Weg zurück in die Kammer sehe ich, wie ein Mann das Schild „Bridge is CLOSED for passengers“ gegen eine Variante mit dem verführerischen Wort OPEN ersetzt. Ich bedanke mich für die Gelegenheit, die ich umgehend nutzen werde. Ich stelle mich kurz vor und erfahre, dass es sich bei dem Herrn um unseren Kapitän Kari handelt.

Wahnsinnig viel zu sehen, gibt es auf der Brücke nicht. Neben vielen technischen Geräten, beeindruckt das großzügige Raumangebot und die gute Sicht. Auf offener See fährt das Schiff so gut wie von alleine und die Arbeit eines Kapitäns spielt sich größtenteils im Büro ab, wo Kari sich mit administrativen Tätigkeiten rumschlagen muss. Die Passagiere stören den Ablauf nur selten und es sind auch nicht bei jeder Fahrt Gäste an Bord. Meistens liegt der Altersdurchschnitt bei 70 Jahren und oft haben die Touristen vor dem Arbeitsalltag und der Mannschaft leider keinen Respekt. Einmal haben Passagiere sogar auf der Brücke geschlafen. Ich versuche, nicht zu stören und verabschiede mich vorerst, um einen kleinen Spaziergang auf der fast 200 Meter langen Tavastland zu machen. Die erforderliche Sicherheitseinweisung wird es voraussichtlich nach dem Mittagessen geben, da Isabel nicht zum Frühstück erschien. Gegen 9:15 Uhr sehe ich meine Nachbarin heute zum ersten Mal. Sie erzählt mir, dass sie jetzt dringend Kaffee braucht. Am besten intravenös..

Nach einer gemeinsamen Tour über das Schiff versuchen wir am PC die ersten Fotos auszutauschen. Pünktlich um 12:00 Uhr gibt es Mittagessen. Salat, Spaghetti mit Hacksoße und eine Banane. Dann kommen wir auch gleich zum Highlight der Woche: Der Kapitän öffnet den Bordshop! Für Raucher sind die Zigaretten für EUR 19,- pro Stange unwiderstehlich. Das alkoholfreie Bier wird auch gekauft, der alkoholfreie Weißwein schmeckt nach Essig und ist wohl nicht zuletzt deshalb ein echter Ladenhüter. Ich entscheide mich für eine 250 Gramm Tafel Marabou-Schokolade. Der Sicherheitsoffizier hat uns für 13:00 Uhr in den Aufenthaltsraum bestellt, damit er die Sicherheitseinweisung absolvieren kann. Da Joachim selbst erst den zweiten Tag auf diesem Schiff ist, hat er bezüglich Möglichkeiten, Kemi oder Oulu zu besuchen keine hilfreichen Informationen. Immerhin bestätigt er, dass wir in beiden Häfen mehrere Stunden Aufenthalt haben werden. Bis wir übermorgen gegen Mittag Oulu erreichen, haben wir die Informationen sicher beisammen.

Nachmittags verbringe ich eine Weile alleine an Deck und genieße die Sonne und die Weite auf dem Meer.

Für gemeinsame Fotos vom Sonnenuntergang sind Isabel und ich um 15:30 Uhr verabredet. Bis die Sonne gegen 16:20 Uhr am Horizont verschwunden ist, haben wir Gelegenheit, uns bei für diese Jahreszeit sehr angenehmen Temperaturen um die null Grad Celsius schön durchfrieren zu lassen.

Das Abendessen wird auf der Travastland schon um 17:00 Uhr serviert. Gerade für die Spanierin ist das unvorstellbar früh. Es stehen jedoch auch zu späterer Zeit noch Knäckebrote, Obst und Joghurts, sowie Säfte, Milch, Wasser, Tee und Kaffee zur Verfügung. Im Kühlschrank stehen Käse, Wurst, Frikadellen und andere leckere Sachen bereit. Heute Abend gibt es wieder leckeren Salat, den ich sowohl als Vorspeise als auch als Zwischengang vor dem Dessert esse. Die eigentliche Hauptspeise besteht aus Schweinebraten mit Kartoffeln oder Reis und brauner Soße. Obwohl ich kein Fan von Schweinefleisch bin: sehr lecker! Da es das Frühstück am morgigen Sonntag erst um 10:00 geben wird, nehme ich zur Sicherheit auch noch von dem Pistazieneis als Nachspeise. Dann fahren wir dem Großen Wagen entgegen in die Nacht. Das Handy zeigt fast den ganzen Abend „Nur Notrufe möglich“ und ich vermute, selbst das ist noch gelogen.

 

Sonntag

Heute gibt es für mich heute keinen Grund, früh aufzustehen. Seit gestern Abend haben wir stärkeren Wind und das Schiff schaukelt gemütlich vor sich hin. Die Wellen bilden leichte Schaumkronen. Erst gegen 9:00 Uhr mache ich mich auf an Deck. Ich scheine den einzigen kurzen Moment abgepasst zu haben an dem sich die Sonne heute sehen lässt, um das graue Einerlei ein wenig aufzuhellen. Zum Frühstück gibt es heute Spiegelei mit Bratkartoffeln. Würstchen und Speck möchte ich nicht essen, dafür nehme ich lieber noch ein zweites Ei. Zusätzlich esse ich Brötchen mit leckerem Käse. Nach dem Frühstück zeige ich Isabel die Brücke. Dort frage ich Kari, ob wir morgen Gelegenheit haben werden, in Oulu von Bord zu gehen. Wir vereinbaren, dass er uns ein Taxi direkt ans Schiff bestellt, damit wir bequem und schnell ins Zentrum der nördlichsten Großstadt der EU gelangen. Ich hoffe, dass ich morgen Rentierfilet essen kann. Noch auf der Brücke spricht uns Chefingenieur Magnus an. Er hat gesagt bekommen, dass wir uns gerne den Maschinenraum ansehen möchten und bietet uns an, nun mit ihm zu kommen. Isabel freut sich wie ein kleines Kind und natürlich bin auch ich interessiert.

Normalerweise wird nur mit einer der beiden jeweils über 12.000 PS starken Maschinen gefahren. Nur in starkem Eis, oder um Verspätungen aufzuholen, wird volle Kraft benötigt. Bemerkenswert ist, dass die Motoren sich im Bug des Schiffes befinden und eine etwa 150 Meter lange Antriebswelle durch den kompletten Rumpf des Schiffes bis hin zur Schiffsschraube führt. Magnus sagt, dass ihm mehr Routine manchmal ganz lieb wäre, aber dass doch fast jeden Tag etwas Unvorhergesehenes passiert. Was auch immer es ist, seine Leute und er versuchen stets, jeden Schaden umgehend selbst zu beheben. Da das Schiff ausschließlich in der Ostsee eingesetzt wird und außerdem sehr gut gewartet wird, ist es Trotz seines Alters von über zehn Jahren in einem sehr guten Zustand. Nur selten benötigen sie Hilfe von Außen. Mit Studium und Praktikum dauert es etwa fünf Jahre, bis man seinen Job ausüben kann. In der heutigen Zeit sei es auch als gut ausgebildeter Ingenieur schwierig, einen Job zu finden. Abendessen gibt es heute bereits um 15:30 Uhr. Lachssandwiches, gebratenes Fleisch mit Kartoffelecken, grünen Bohnen und einer leckeren fruchtigen Soße und wieder zwei Portionen Salat esse ich. Dafür lasse ich ganz vernünftig das Mousse au Chocolat weg. Weniger vernünftig ist es, dass ich am Abend gegen meine Überzeugung eines der unerwartet bereit stehenden Hot Dogs in mich reinstopfe. Vielleicht, weil ich so erfreut über das uns entgegenkommende Frachtschiff aus Kleipeda bin. Es trägt den wunderschönen Namen Marc. Die Windstärke lag heute bei 6-7. Das war noch kein Sturm, aber ein schöner Kontrast zum lieblichen Sonnenschein vom Vortag.

 

Montag

Beim Frühstück erfahre ich, dass wir Oulu heute mit Verspätung anlaufen werden. Der Eisdruck ist so gewaltig, dass wir den Hafen nicht wie geplant ansteuern können.

Aus der „mehrstündigen Verzögerung wurden zum Glück nur knapp zwei. Für 15:30 Uhr ist ein Taxi für Isabel und mich bestellt, so dass wir nach finnischer Zeit um kurz vor fünf in der Stadt sind. Zum Glück haben wir es noch um 16:55 Uhr in die historische Markthalle geschafft, denn fünf Minuten später ist dort Feierabend. Nach einem Rundgang durch die Innenstadt, auf dem wir unter anderem das Theater, die Bibliothek, das Rathaus und die Kirche sehen, besuchen wir das finnische Restaurant Hella, in dem ich Zweierlei vom Rentier und Pannacotta mit Moltebeeren esse. Abgerundet wird der kulinarische Abend an Land schließlich durch ein Lakritzeis aus einem Kiosk. Die Rückfahrt zum Hafen gestaltet sich etwas schwieriger als die Hinfahrt. Zunächst können wir kein Taxi finden, denn die Nummer, die ich wähle, scheint nicht zu stimmen. Ich frage in einer Pizzeria, ob man uns ein Taxi rufen könne und bekomme tatsächlich Hilfe von einem deutsch sprechenden Türken, der selbst früher zur See gefahren ist und jetzt ein Restaurant in Finnlands fünftgrößter Stadt betreibt. Zu allem Übel fährt der Fahrer versehentlich den falschen Hafen an, so dass sich die Strecke und die Fahrtzeit schließlich verdreifachen. Da ihm sein Fehler unangenehm ist, verlangt er am Ende einen geringeren Fahrpreis als wir für die Hinfahrt bezahlt haben.

Spannend ist die Ausfahrt aus dem Hafen, da mit Scheinwerfern gefahren wird, um die Fahrrinne und das Eis im Blick behalten zu können. Nach einer Stunde auf der Brücke möchte ich schlafen gehen, doch kurz nachdem ich in der Kammer bin, klopft es an meiner Tür. Isabel hat beim Rauchen Polarlichter gesehen. So kommt es, dass ich noch eine weitere Stunde an Deck verbringe und freihändig auf der ruckelnden, sich langsam durchs Eis kämpfenden Tavastland einige akzeptable Fotos von dem nächtlichen Himmelsspektakel schieße.

Wegen des krachenden Eises kann ich nicht gut einschlafen und freue mich schließlich, als die Geräusche irgendwann nachts verstummen.

 

Dienstag

Irritiert durch die finnische Uhrzeit auf meinem Handy verlasse ich versehentlich mein Bett eine Stunde zu früh. Wir liegen inzwischen im Hafen vom Kemi, wie ich beim Blick aus dem Fenster erkennen kann. Ich bewaffne mich mit der Kamera, um die ersten Eindrücke des Tages in Bildern festhalten zu können und freue mich, dass immer noch Polarlichter am Himmel zu sehen sind. Erst jetzt merke ich, dass ich früher dran bis, als gedacht. Mit dem Handy kann ich sogar ein Selfie mit Polarlichtern machen. Im Nachhinein habe ich den Verdacht, dass die Lichter am Himmel doch eher Reflexionen von Industrieanlagen waren.

Isabel sitzt schon am Computer des Aufenthaltsraums und erzählt mir, dass wir heute Nacht im Eis stecken geblieben sind. Deshalb konnte ich also auf einmal schlafen. Da die Offiziere die ganze Nacht zu tun hatten und der Rest der Mannschaft mit Laden beschäftigt ist, ist es beim Frühstück heute entsprechend leer. Ih frage einen der Offiziere, wann wir voraussichtlich ablegen. Da er glaubt, es könne schon gegen 11:00 Uhr sein, nehme ich von der Idee, mit einem Taxi nach Kemi zu fahren, um das Eishotel zu besichtigen, Abstand.

Stattdessen sehe ich beim Beladen des Schiffes zu und beobachte die Aktivitäten im Hafen. Da es doch etwas länger dauert, nehmen wir das Mittagessen noch im Hafen ein. Es gibt Bratwürste und lauwarmen Kartoffelsalat. Es muss etwa 13:00 Uhr sein, als wir unsere Fahrt beginnen, nachdem ein Schlepper das Eis im Hafen für uns aufgelockert hat. Weiter draußen erwartet uns an einer Boje bereits der Eisbrecher Alte, der uns dem Sonnenuntergang entgegen sicher zur Eisgrenze geleitet. Am frühen Abend klopft Isabel an meiner Tür und ruft aufgeregt auf deutsch: „Marc, komm schnell!“. Sie hat beim Rauchen wieder Polarlichter entdeckt, die noch intensiver und farbenfroher als am Vorabend sind. Das sind die Momente, in denen man sich fragt, warum man beim Kauf des 50mm-Objektivs am Bildstabilisator gespart hat….

Heute sind auch rote Nordlichter dabei und dank der Wolken am Himmel sieht es auf einigen Fotos so aus, als würde ein Gesicht von oben herabschauen. Der zunehmende Mond, Jupiter und Mars wachen ebenfalls über die Tavastland, die Mannschaft und uns zwei Passagiere.

 

Mittwoch

Ich hoffe, heute wird ein ruhiger Tag. Beinahe wäre ich schon wieder zu früh aufgestanden, denn mein Handy zeigt immer noch die finnische Uhrzeit an. Seit gestern Abend habe ich keine Internetverbindung. Vermutlich wird es noch einige Stunden dauern, bis ich ab und zu mal wieder in den Bereich schwedischer Mobilfunknetze vorstoße. Zum Frühstück esse ich zwei Toasts Hawaii und ein Stück Honigmelone. Danach gehe ich wieder für ein halbes Stündchen ans Heck und lasse meinen Blick über den Bottnischen Meerbusen streifen. Ich freue mich, dass ich niemanden treffe und gehe wieder in die Kammer zurück. Irgendwie bin ich immer noch oder schon wieder müde und lege mich ein wenig auf das Bett, bevor ich beginne, die Fotos nochmals anzusehen und erste Bilder zu löschen. Ich könnte etwas lesen oder ein paar russische Vokabeln lernen, aber ich habe leichte Kopfschmerzen und irgendwie keine Lust, etwas anders zu tun, als diese Zeilen zu schreiben oder auf dem Bett zu liegen oder aus dem Fenster zu schauen. Es kommen immer wieder andere Schiffe vorbei. Gerade habe ich den Eindruck, dass hier auf offener See mehr Verkehr herrscht, als nachmittags um fünf in Oulu auf der Hauptstraße.

Beim Mittagessen beschränke ich mich heute auf Brot (sehr leckeres dunkles Brot mit Früchten) und Salat. Ich habe meinen Fleischbedarf für das komplette Jahr sicher in den letzten Tagen schon abgedeckt… Nach einer kurzen Siesta gehe ich nochmals alleine aufs Achterdeck, laufe etwas hin und her und treffe gegen 16:00 im Aufenthaltsraum wieder auf Isabel. Sie scheint froh zu sein, dass ich ihr vorschlage, gemeinsam auf die Brücke zu gehen. Dort erfahre ich vom Kapitän, dass die Fracht teilweise nach Tilbury in England gehen soll. Sie wird in Lübeck auf ein Schwesterschiff der Tavastland umgeladen. Neuerdings rotiert auch die Hälfte der Mannschaft. Zum Abendessen freue ich mich erneut über den tollen Salat und das leckere Brot und verzichte schon wieder auf das Fleisch. Jetzt habe ich auch wieder Internet und tausche einige WhatsApp Nachrichten mit meiner Frau aus. Nach zwei Schwarztees im Aufenthaltsraum verbringe ich den Rest des Abends gemütlich in meiner Kammer.

 

Donnerstag

Um Isabel einen Gefallen zu tun, frage ich heute Morgen, ob wir auch einen Blick in die unteren Cargo-Decks werfen dürfen. Der Kapitän überlässt die Entscheidung dem für die Ladung zuständigen ersten Offizier Jörgen, den ich auf der Brücke antreffe. Kari übernimmt auf der Brücke, damit Jörgen mit uns die Unterwelt des Frachters unsicher machen kann. Im Prinzip sieht man nicht sehr viel. Es ist beeindruckend, wie dicht die Container aneinander gereiht in den Frachträumen stehen. Andererseits ist genau das notwendig, weil die Ladung sonst rutschen würde, sobald der Seegang etwas stärker wird.

Im Cargo Kontrollraum erfahre ich, dass es große Ballasttanks gibt, die beim Beladen dafür sorgen, dass das Schiff nicht in Schräglage gerät. Stabilisatoren für die Fahrt gibt es auf Frachtschiffen keine, aber auf dem obersten Deck gibt es wieder Wassertanks, die – so die Füllhöhe korrekt berechnet ist – zu starkes Schwanken der Tavastland verhindern. Ein Fehler bei der Berechnung könnte eben so gut das Gegenteil bewirken. Um in das unterste der drei Frachtdecks zu gelangen, müssen wir eine steile Leiter hinabklettern. Hier unter der Wasserlinie hat das Schiff zwei Wände. Falls eine beschädigt werden sollte, würde es trotzdem nicht zum Untergang führen. Also sind wir mindestens so sicher wie die Passagiere damals auf der Titanic

Im Aufenthaltsraum finden wir später die Buchführung des Leisure Fund der Mannschaft. So erhalten wir einen Anhaltspunkt zum üblichen Trinkgeld. Zwischen 5,- Euro und 100,- Euro pro Passagier ist alles dabei. Um die 50,- Euro pro Paar scheint einigermaßen üblich zu sein. Isabel und ich einigen uns schließlich darauf, dass wir jeder EUR 30,- Trinkgeld für die Mannschaft geben. Für größere Sprünge reichen auch unsere Bargeldreserven nicht mehr. Zum Mittagessen gibt es heute Suppe und eine vereinfachte Version schwedischer Kohlrouladen. Ingela, unsere Köchin, verrät, dass die Rouladen für so viele Leute zu kompliziert seien und sie deshalb einfach alle Zutaten in eine Pfanne schneidet und so eine schmackhafte, aber leicht zuzubereitende Variante erfunden hat.

Nachmittags lese ich einige Seiten und schlafe zwischendrin auch ein. Pünktlich zum Abendessen bin ich wieder fit uns sitze danach noch mit Isabel im Aufenthaltsraum zusammen. Später entdecke ich beim Zappen im schwedischen Fernsehen noch eine hochwertige Kultursendung: Drive Angry mit Amber Heard.

 

Freitag

Das letzte Frühstück an Bord. Die Sachen sind fast alle gepackt. Draußen nur Nebel. Die Stimmung ist sehr meditativ. Die Freude auf den nächsten Landgang steigert sich. Auf der Brücke unterhalte ich mich mit Jörgen über seine Familie und sein Haus. Gegen 11:50 Uhr soll vor Travemünde der Lotse an Bord kommen, gegen 13:45 Uhr sollten wir am Nordlandkai angelegt haben. So schön diese Reise auch war, ich freue mich auf meine Frau und auf das Festland!

Leider verpasse ich die Ankunft des Lotsen, denn ich sehe nur noch sein Boot wegfahren. Schnell renne ich auf das Achterdeck, um die Einfahrt in Travemünde bestmöglich in Bildern festhalten zu können. Der Nebel ist nicht so dicht wie auf der Ostsee, aber vom Hochhaus des Maritim Hotels erkenne ich nur die untersten Stockwerke.

An der Prinzenbrücke winkt mir schließlich Gudrun zu. Nachdem wir auch den Skandinavienkai hinter uns gelassen haben, gehe ich schnell etwas essen. Heute gibt es Fischstäbchen mit Salzkartoffeln. Beim Passieren des Hafens Lübeck Schlutup bin ich schon wieder auf der Brücke und fotografiere von dort. Faszinierend, wie unser die 190 Meter lange Tavastland vor der Einfahrt in das Hafenbecken des Nordlandkais um 180 Grad wendet und dann sozusagen rückwärts einparkt. Der Lotse müsse normalerweise mit dem Bus nach Travemünde zurück, aber ich biete ihm an, mit uns zu fahren. Gudrun fährt zum Schiff vor, wir bringen Isabel zum Hauptbahnhof und bekommen schließlich in Travemünde eine exklusive Führung durch die Lotsenstation und eines der Lotsenbote. Niedlich, wie klein hier alles wirkt…

 

Bewegte Bilder meiner Reise (ca. 10 Minuten Spieldauer):